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Strom und Wärme selbst gemacht
Das niedersächsische Jühnde war einst Deutschlands erstes Bioenergiedorf, jetzt ist es Vorbild.
Jühnde ist ein kleines Dorf, das ganz groß herausgekommen ist. 2005 entschied sich die 750-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Göttingen, ihre Energieversorgung selbst in die Hand zu nehmen: Strom und Wärme werden seitdem in einer Biogasanlage erzeugt, die mit Getreide, Pflanzenabfällen und den Hinterlassenschaften von 500 Kühen und 1400 Schweinen betrieben wird. So ist man zum einen energieautark und zum anderen zum ersten Bioenergiedorf Deutschlands geworden. 
Die Idee des Bioenergiedorfs entstand 2001 am Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Göttingen, das zeigen wollte, dass es möglich ist, ein Dorf komplett durch erneuerbare Energien zu versorgen. Also wurde eine Biogasanlage gebaut, in der Gülle und Pflanzenabfälle vergoren werden, danach wandeln Bakterien das Gemenge in Biogas um. Dieses besteht zur Hälfte aus Methan, das wiederum in einem nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitenden Blockheizkraftwerk verarbeitet wird: Der Gasmotor verbrennt das Methan und erzeugt zum einen Wärme, zum anderen treibt er einen Generator an, der Strom produziert. Die Jühnder bauten ein 5,5 Kilometer langes Nahwärmenetz, durch das das Warmwasser in die Haushalte kommt. Für die Wärmeproduktion es zusätzlich ein Holzhackschnitzelkraftwerk. 

20 Jahre Bestandschutz 
Der Wärmebedarf kann in etwa zu 75 % gedeckt werden, beim Strom gibt es eine klare Überproduktion: 5 Millionen kWh entstehen im Generator des Blockheizkraftwerks, die 750 Einwohner verbrauchen nur 2 Millionen. Der überschüssige Strom wird in das Stromnetz von E.ON Mitte eingespeist. Von den jüngsten Kürzungen der Einspeisevergütung ist die Jühnder Biogasanlage nicht betroffen, sie hat 20 Jahre Bestandschutz.  Die Anlage arbeitet wirtschaftlich: Die Investitonskosten von 5,2 Millionen Euro sind zwar noch nicht wieder hereingespielt, dennoch bleibt jedes Jahr ein Gewinn von 80.000 bis 100.000 Euro für die Genossenschaft, der 75 Prozent der Jühnder Haushalte angehören. Zwischen vier und sechs Prozent werden als Dividende ausgezahlt, der Rest geht in die Rücklagen, um Geld für Reparaturen oder neue Investitionen zu haben. 

2009 legte sich Jühnde eine Elektro-Tankstelle zu. Strom ist ja in Hülle und Fülle vorhanden, die Jühnder wollen damit die Elektromobilität vorantreiben. Die Idee: ein Car-Sharing-Programm aufzulegen, momentan laufen Gespräche mit einem Autohersteller. Gerade für Kurzstrecken eignen sich Elektro-Autos besonders gut. Um die Leute aus der Region zu locken, ist der Saft fürs Elektro-Auto momentan sogar kostenlos. "Wir sehen darin kein Geschäftsmodell, sondern ein Schmankerl für Interessenten. Und Publicity ist natürlich ein Wert für uns", sagt Eckhard Fangmeier, der Vorstand der Genossenschaft Bioenergiedorf Jühnde.  

Bioenergie vom Dorf fürs Dorf 
Ende 2010 war Jühnde unter den Siegern des bundesweiten Wettbewerbs "Bioenergiedörfer 2010" des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Wichtige Kriterien sind dabei, dass Dörfer die Biomasse möglichst effizient, nachhaltig und innovativ nutzen. Zudem soll die Bevölkerung miteinbezogen werden. Der soziale Aspekt ist neben der Ökologie mindestens genauso wichtig, denn so ein ehrgeiziges Projekt funktioniert nur, wenn die Mehrheit der Bevölkerung mitzieht. "Den Preis haben wir auch gewonnen, weil es uns gelungen ist, mit unserer technischen Lösung bei unseren Bürgern für große Akzeptanz zu sorgen und die Menschen mitzunehmen", sagt Fangmeier. Die Jühnder seien durch die Biomasseanlage zusammengerückt, das Bioenergieprojekt ist "vom Dorf fürs Dorf", betont Fangmeier. 

Lässt sich das, was in einer 750-Einwohner-Gemeinde geht, auch auf größere Städte übertragen? Das Interesse ist auf jeden Fall da, in den vergangenen Jahren hat Jühnde einen regelrechten Bioenergie-Tourismus erlebt. Waren es anfangs vor allem interessierte Privatleute aus Deutschland, sind inzwischen viele Politiker, Landwirte, Ingenieure und Wissenschaftler unter den 2.800 Besuchern jährlich, davon 20 Prozent aus dem Ausland. Ihnen gibt Fangmeier die Erfahrungen weiter, die Jühnde auf dem Weg zum Bioenergiedorf gemacht hat: "Wir haben sicher Lehrgeld gezahlt. Anfangs war die Technik noch nicht ausgereift, wir hatten hohe Reparaturkosten, die Ausschüttungen waren anfangs nicht groß." Über die Jahre hat sich das zum Positiven gewendet, jetzt hat man robustere Anlagen, bessere Technik und kann einen wirtschaftlichen Betrieb garantieren. Die Jühnder profitieren von günstigeren Energiepreisen (etwa 750 Euro Einsparung pro Haushalt im Jahr) und vor Ort entstehenden Arbeitsplätzen.  

Den gleichen Weg wie Jühnde beschreitet das etwa drei Kilometer entfernte Nachbardorf Barlissen, das zur gleichen Gemeinde zählt. Auch hier werden Biogasanlage, Holzhackschnitzelwerk und Nahwärmenetz gebaut, Anfang Juni soll alles fertig sein. 
Bernd Oswald