Im bundesdeutschen Energieverbrauch steht Wärme mit einem Anteil von rund 40 Prozent an erster Stelle. Im Haushalt schlagen die Heizkosten gar mit mehr als drei Viertel des Energiebudgets zu Buche. Aber auch volkswirtschaftlich sind das Dimensionen, die nach Abhilfe rufen. Denn wir haben hierzulande rund 18,2 Millionen Wohngebäude mit 40 Millionen Wohnungen. Über die Wände all dieser Wohnhäuser gehen laut einer aktuellen Metastudie des Forschungsinstituts für Wärmeschutz e.V. (FIW) fast 130 Terawattstunden im Jahr verloren. Mit der Energieeinspar-Verordnung (EnEV) wird versucht, diese gewaltigen Verluste zu reduzieren – in Form von Sanierungsdarlehen und gesetzgeberischem Druck.
Will man der Dämmstoffindustrie Glauben schenken, dann ist vor allem die Wärmedämmung ein probates Mittel, um Einsparpotenziale von 30 bis 70 Prozent zu erreichen. Und ein gutes Umweltgewissen gibt es noch obendrauf. Landauf, landab werden deshalb Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) aus unterschiedlichen Materialien oder sogenannte vorgehängte Fassaden montiert. Massive Heizkosteneinsparung, staatlich geförderte Darlehen und die Aussicht auf langfristige Wertsteigerung der Immobilie begünstigen den Wunsch nach Optimierung. Doch sind die vielfach propagierten und mit Studien und Erfolgsbeispielen belegten Vorteile wirklich so positiv? Es mehren sich kritische Stimmen, selbst von „deutschem Dämm-Wahnsinn“ ist schon die Rede. Während Dämmstoffproduzenten, Energieberater und Handwerksbetriebe versuchen, die Argumente als billige Panikmache abzutun, fahren die Dämm-Gegner immer schwerere Geschütze auf: erhöhte Brandgefahr der Dämmstoffe, ökologisch zweifelhafte Materialien, eine fragwürdige Energiebilanz bei der Produktion. Und vor allem und immer wieder Schimmelpilz- und Algenbefall der Außenwände. Während für Schimmel an den Innenwänden gerne falsche Lüftung durch die Bewohner verantwortlich gemacht wird, sind die Schäden an der Fassade offensichtlich. Gedämmte Häuser können einen gewissen Grauschleier zeigen, dem nur schwer beizukommen ist.
Dem stimmt auch Ronny Meyer zu. Der Modernisierungsberater und Verfasser mehrerer Dämm-Ratgeber wiegelt aber ab: „Algenbildung kann in der Tat ein Problem sein. Gedämmte Wände sind außen kalt, da die Wärme ja im Haus bleibt. Dadurch kann sich in den Morgenstunden, bei abgekühlter Außenluft, Tauwasser auf der Fassade bilden. Wenn an Wintertagen die Temperaturen nicht ausreichend steigen, bleibt das Tauwasser längere Zeit stehen. Es kann zu Algenbildung kommen, die übrigens nur ein optisches Problem ist.“ Abhilfe können Biozide schaffen, die den Farben und Putzen beigemischt sind, die allerdings für neue Verunsicherung sorgen. Noch einmal der Modernisierungsfachmann: „Die Zugabe der Wirkstoffe in Deckputzen und Farben wird so gering wie möglich gehalten und entspricht den strengen Vorgaben der EU-Biozid-Richtlinie. In hochwertigen Fassadenfarben und Putzen kommen laut eines mir vorliegenden Hersteller-Infoblatts hauptsächlich mikroverkapselte Biozide zum Einsatz, die wesentlich stabiler in die Oberfläche eingebunden sind und sehr viel langsamer abgebaut werden.“ Die Fragen nach einer Langzeitwirkung, wenn diese Stoffe ins Grundwasser sickern, bleiben aber bisher unbeantwortet.
Für die diskutierte Brandgefahr gibt Prof. Dr.-Ing. Andreas Holm, Leiter des FIW in München, – maßvolle – Entwarnung: „In einigen Fällen war es Pfusch am Bau, unsachgemäße Bearbeitung, es waren nicht ordnungsgemäß ausgeführte Systeme, oder eine Reihe von Verarbeitungsfehlern lag vor.“ Nicht unbedingt eine Beruhigung für den Bauherrn, der sich in aller Regel auf die ausführenden Fachleute verlassen muss. Ronny Meyer fordert dazu Augenmaß: „In Anbetracht der rund sieben Millionen gedämmten Häuser in Deutschland geht die Gefahr bei deutlich weniger als zehn Brandfällen pro Jahr gegen null. Abgesehen davon gibt es nicht brennbare Dämmstoffe wie Steinwolle.“
Zweifel an Berechnungsgrundlagen
Der feurigste Kritiker der Branche, der fränkische Architekt und Denkmalschützer Konrad Fischer, ist da anderer Meinung. Das ganze Dämm-Konzept ist für ihn zweifelhaft: Durch die gedämmte Außenfassade könne die Sonneneinstrahlung nicht mehr die Mauern erwärmen. „Das zentrale Problem ist die fehlende Wärmespeicherfähigkeit des Dämmstoffs. Allnächtlich kühlt er tief unter die Temperatur der Umgebungsluft ab. Dabei tritt zwangsläufig eine Menge Tauwasser aus.“ Dass wir uns gegen Auskühlung schützen müssen, ist auch für Fischer selbstverständlich. Aber seiner Meinung nach basieren alle Einsparplanungen auf falschen Voraussetzungen: „Es sind rein fiktive, theoretische Berechnungsgrundlagen, der Einfluss der Wärmestrahlung wird zum Beispiel nur unzutreffend berücksichtigt.“
Brisanz gewinnt das Thema auch durch eine Studie aus Cambridge von 2012, die ein vernichtendes Urteil fällt: „Das Ergebnis der Studie legt nahe, dass die Berechnungsmodelle auf falschen Annahmen basieren“, so die Autorin Minna Sunnika-Blank von der britischen Elite-Universität. Damit relativieren sich alle prognostizierten Einsparungen erheblich. Ernüchternd sind auch die Ergebnisse einer Studie im Auftrag der KfW-Bank aus dem Jahr 2013, der zufolge die Kosten für die Sanierung nicht allein durch die Ersparnis bei den Heizkosten wieder reingeholt werden können.
Architekt Fischer, der auch als Sachverständiger für Bau- und vor allem Dämm-Schäden gefragt ist, warnt seine Kollegen: „Es gibt inzwischen Schadenersatzprozesse, bei denen der Architekt haftet, weil die angekündigte Einsparung nicht erfüllt ist. Die Produktberater der Dämm-Industrie bieten ihm die komplette Planung – und er weiß gar nicht, worauf er sich da einlässt, auch hinsichtlich der Anfälligkeit gegen Bauschäden.“
Fassade nur ein Puzzleteil
Während Konrad Fischer die Dämmungsparolen generell für Humbug erachtet und Belege für das Zusammenspiel einer Dämm-Mafia aus Industrie, Politik und willfährigen Instituten anführt, ist Modernisierungsberater Meyer von der Lauterkeit seiner Zunft überzeugt. Er hält „Schnäppchenjäger und Billigheimer“ für das Problem: „Es gibt Vorgehensweisen, an die man sich halten sollte: Einen versierten Energieberater mit der Gesamtplanung beauftragen und dann nach Möglichkeit mit Handwerker-Netzwerken arbeiten. Nur wenn sich die Handwerker untereinander kennen und man im Vorfeld die Maßnahmen genau abstimmt, kann im Grunde nichts passieren. Finger weg von Schnäppchenangeboten.“
Eines ist klar: Wirkungsvolle Dämmung erfordert sorgfältige Information und genaues Abwägen. Aber darüber hinaus ist die Fassade nur ein Puzzleteil auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz. Nötig ist die umfassende Untersuchung aller Einsparmöglichkeiten, vom Keller bis zum Dach. Und immer wieder ein kritisches Überdenken des eigenen Energieverhaltens. Denn es hat sich auch gezeigt, dass bei funktionierender Dämmung gerne gleich sorgloser mit der Heizung umgegangen wird. Es bleibt also noch viel zu tun.
Von Natur aus gut?
Zur Illustration der Wärmedämmung gibt es immer wieder Bilder, auf denen ein Haus mit putziger Pudelmütze oder warmem Wollschal versehen wird. Inzwischen hat das Motiv nicht bloß symbolischen Charakter, denn Dämmung mit Naturmaterialien wird immer beliebter. Die Auswahl ist groß: Zellstoff, Kork, Holz, Flachs, Hanf und eben auch Schafwolle eignen sich gut und sind zudem natürlich nachwachsende Rohstoffe mit erfreulicher Gesamtenergiebilanz. Allerdings sind auch Naturdämmstoffe mit Brandschutzmitteln behandelt, und sie müssen zusätzlich gegen Insektenbefall und Verrottung geschützt werden. Deshalb werden einige Naturdämmstoffe bei Tests zur Gesundheitsverträglichkeit nicht so positiv bewertet. Außerdem ist nicht jedes Material für alle Zwecke zu verwenden, hier können Fehlentscheidungen oder falsche Verarbeitung ebenso ins Geld gehen wie bei synthetischen Dämmstoffen. Öko-bewusstsein rettet deshalb nicht vor Langzeitschäden. Entsprechend fachkundige und durch Referenzobjekte bestätigte Beratung und Anbringung zahlt sich aus.



